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Menschen im Gebirge

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Alptrekking schlägt dem Wanderer einen grossen Rundgang um die Walliseralpen vor. Beim Alptrekking wird er somit eingeladen, über die Grenzen dreier Länder zu hüpfen, aber ohne die Region zu wechseln, weil das Wallis, Savoyen und das Aostatal an einer Landschaft, an einem Kulturgut und einer Vergangenheit gemeinsam teilhaben.

Soweit auch das Menschengedächtnis zurückzureichen vermag, bilden die Alpen ein einziges Gebiet. Die ältesten urgeschichtlichen Spuren zeigen eine gemeinschaftliche Technik und Lebensweise. Die anthropomorphen Grabstellen des Petit Chasseur (Wallis) sind erstaunlich jenen von Saint-Martin de Corléans (Aosta) ähnlich. Für die Archäologen besteht kein Zweifel, dass diese beiden menschlichen Gruppen regelmässige Kontakte pflegten. Einzelgegenstände, die hoch oben in den Bergen gefunden wurden, beweisen eine Begehung der oft schneefreien Pässe. Viel später bestätigen die Römer die Bedeutung dieser Übergänge; sie teilen die Alpen nach den grossen Verbindungsachsen auf und bilden mit dem Grossen Sankt Bernhard eine bevorzugten Weg für Kaufleute und Soldaten.

Während des Mittelalters erfolgt der Transitverkehr über dieselben Pässe, die damals unter den Schutz der Kirche gestellt sind. Man baut Hospize wie das Hospiz auf dem Grossen Sankt Bernhard und auf der ganzen Länge der Route werden Raststätten und Herbergen sowie Zollstellen und Geldwechselstuben eingerichtet. Kaufleute und Pilger benutzen die Via Francigena, die Canterbury mit Rom verbindet.

Ab dem 13. Jahrhundert ist ein guter Teil des Wallis und des Aostatals von den Grafen von Savoyen abhängig, die sich als die Schirmherren der Westalpen, vom Mont Cenis bis zum Kleinen Sankt Bernhard, vom Aostatal bis St-Maurice, wähnen. Von da an richtet sich während mehreren Jahrhunderten eine Gesellschaft mit scheinbar unwandelbaren Rhythmen und Bräuchen ein. Von einer Talflanke zur andern der Walliser Alpen sind sich die Lebensbedingungen ähnlich. Die von den Völkerschaften abgegebenen Antworten sind demnach in La Fouly, Macugnaga und Les Houches gleichlautend.

Die Landwirtschaft bildet die Haupteinnahmequelle. Überall sind die Menschen auf der Suche nach dem Futter für das Vieh: im Laufe der Monate wandern sie von einer Stufe zur anderen des Tals. Überall bemühen sie sich, dass von den Gletschern herabstürzende kostbare Nass zu fassen, es zu zähmen und dorthin zu leiten, wo Wiesen zu bewässern sind: Wasserleitungen und Bächlein, welche die Wanderer bezaubern, sind ein sprechendes Zeugnis. Überall versuchen sie ihren Alltag zu verbessern und ihre Mahlzeiten und Feiertage abwechslungsreicher zu gestalten: Rebberge erklimmen die sonnenverbrannten Anhöhen. Um den abschüssigen Steilhängen zu trotzen, erstellen sie Stein auf Stein terrassenartig angelegte Felder, um ihren Getreidefeldern möglichst eine günstige Sonnenbestrahlung zuzusichern. Sie bauen ihre Gärten am Rande einer Wasserquelle an. Sie errichten ihre Dörfer lawinengeschützt auf den kargsten und unproduktivsten Böden. Um ihre Ernte einzubringen, um von einem Ort zum anderen zu gelangen, sich zu treffen und einen Pass zu ersteigen, bauen sie Brücken und Wege. Wenn dann die Übergangsstelle zu abgründig ist, erstellen sie Leitern. Die Wanderer benützen noch heute dieses weit verzweigte Wegnetz, das die Landschaft maschenartig überzieht. Ihre sonnengebräunten Häuser gleichen sich. Sie sind dermassen entworfen, das sie den Unwettern widerstehen können. Sie schützen Mensch und Tier, Nahrung und Futter. Mit vor Ort vorhandenen Rohstoffen errichtet, verbinden sie ästhetische Schönheit, Funktionalität und Ökologie. Das Chalet von damals wurde für den von Ferien  und frischer Luft träumenden Stadtbewohner zum Symbol des Gebirges. Ihre Sitten und Gebräuche und ihre Sprachen verbreiten sich echoartig von einem Tal zum andern, von Aosta bis Evolène, von  Cervinia bis Argentières. Die noch den Dialekt (patois) sprechenden Leute von heute treffen sich über die Grenzen hinweg in einer Vereinigung, um ihre Sprache zu pflegen, bevor sie in Vergessenheit gerät. Beim Alpaufstieg, bei Winzerfesten und Handwerksjahrmärkten schart sich eine internationale buntgemusterte Volksmenge. Es gibt wohl nur eine Ringkuhrasse, aber sie fand eine leidenschaftliche Aufnahme im Aostatal wie in Savoyen.

Das 19. Jahrhundert ist durch den Anbruch der grossen Umwälzungen geprägt. Es werden die Grenzen gezogen. Fortan sind die Alpen italienisch, schweizerisch und französisch. Dadurch sieht sich der Handelsverkehr wesentlich verändert. Bald danach folgt der industrielle Aufschwung. Mit der Bewirtschaftung der Wasserkraft und der Eisenbahn verbunden, welche die Zufahrt in die Täler erleichtert und diese den grossen Siedlungszentren näher bringt, verändert dieser Aufschwung grundlegend die Lebensweisen und Mentalitäten. Die Entwicklung der „Fremdenindustrie“ setzt einen Schlusspunkt unter diesen Wandel der alpinen Wirtschaft. Die Talbewohner verwandeln sich vom Bauer zum Fabrikarbeiter, Bergbauarbeiter, Maurer, Bergführer und Hotelier. Manchmal verlieren sie dabei etwas von ihrer Seele. In ein paar Generationen tritt die Landwirtschaft ihren Vorrang zugunsten der Dienstleistung und des Bauwesens ab. Unter dem Druck dieser verschiedenen Faktoren erfährt selbst die Landschaft eine Wandlung. Ganze Täler werden von Stauseen überflutet, Hochgeschwindigkeitsstrassen winden sich bandartig längs der Talhänge, Dörfer wachsen und werden zu Städten in den Bergen, Waldflächen müssen Skipisten weichen… Im Grunde genommen führen die Menschen die vor mehreren hundert Jahren begonnene Raumentwicklung weiter, um den neuen Ansprüchen begegnen zu können.

Gleichzeitig mit diesem Wandel wächst das Interesse für die alpine Kultur. Es entstehen verschiedene Kulturzentren wie das Brel in Aosta, das Dauphiné-Museum in Grenoble oder die Mediathek Wallis in Martigny. In Genf wird die berühmte Sammlung Amoudruz dem ethnographischen Museum vermacht, das versucht, mit den ausgestellten Gegenständen Spuren der vergangenen Lebensweisen zu sichern. Diese Institutionen haben die Aufgabe, das alpine Erb- und Kulturgut zu sammeln und aufzuwerten. Sie leisten einen wesentlichen Beitrag zur Erkenntnis einer echten Kultur und erfüllen mit einem grossen Stolz jene die sich dieser alten Welt anzugehören wähnen. Die unter dem Banner der Kunsthandwerkerberufe vereinigten Handwerker haben die Botschaft wohl verstanden: fern von der Folklore berufen sie sich auf altüberlieferte Techniken nicht um nachzuahmen oder Pseudoaltes zu verfertigen sondern um neue Wege zu beschreiten und Gegenstände für Menschen von heute herzustellen. Im ganzen Alpengebiet steht diese Bewegung in vollem Aufschwung. Sie bezeugt ihre Schaffenskraft in den unumgänglichen Treffen worunter der St-Ursus-Jahrmarkt von Aosta ein gutes Beispiel darstellt. Gesamthaft gesehen, bemühen sich die nachhaltige Entwicklung und der sanfte Tourismus die Lebensweisen der Bevölkerungen zu achten und das natürliche Gleichgewicht zu wahren. Und wie könnte man dies besser tun als im angemessenen Schrittrhythmus? Der Fussmarsch verleitet dazu, die Landschaft neu zu entdecken und sie uns anzueignen. Je nach dem Marschhalt, um neue Kräfte zu schöpfen, versucht der Wanderer die während Jahrhunderten aufgezeichneten Spuren zu entschlüsseln. Bald kehrt er bis an den Anbeginn der Welt zurück; bald sieht er ein Dorf auf einer Moräne, verfallene Mauern, ehemalige Terrassen, die zu Wiesen geworden sind; vor ihm windet sich ein Saumweg… Er setzt seinen Weg fort, mit dieser Entdeckung bereichert und viel ehrfürchtiger vor den Bewohnern dieser sehr empfindlichen Welt. Diese Initiationserfahrung muss er mit dem Sack auf dem gebeugten Rücken erleben, wie Nicolas Bouvier es schreibt: « Der Marsch ist auch ein Kenntnis- und Erleuchtungsvorgang… Manchmal nach sehr langen Märschen, nicht bis ans Ziel sondern im Hinblick aufs Ziel im Wissen, dass man es erreichen wird, ereignet sich  unglaublich eine Art Eingriff der Welt in ihre morschen Knochen, den man nicht in Worten zu fassen vermag.»

Anne Michellod, Jean-Henry Papilloud
Médiathèque Valais - Martigny